Mein erster Kontakt mit Äthiopien war im Jahr 2015, als ich im Rahmen eines Hilfsprojekts der Bayerischen Zahnärzte als Volontärin in der neu eröffneten Zahnklinik des Selam Children’s Village in Addis Abeba tätig war.
Zu Beginn meines Einsatzes widmete ich mich vor allem der zahnmedizinischen Versorgung der Waisenkinder, der Mitarbeitenden des Kinderdorfes sowie der von Armut betroffenen Bevölkerung aus der Umgebung.
Gleichzeitig durfte ich den Aufbau der Zahnklinik aktiv mitgestalten. Der enge Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen des Kinderdorfes hat mich jedoch schnell dazu bewegt, mich auch über meinen Beruf hinaus zu engagieren. So übernahm ich einige Jahre später den Vorsitz der Äthiopischen Kinderhilfe Selam e. V. In dieser Funktion erhielt ich tiefe Einblicke in die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen – nicht nur während ihrer Zeit im Kinderdorf, sondern auch nach ihrem Schritt in die Selbstständigkeit. Ich konnte ihre Lebenswege über viele Jahre begleiten und miterleben, welche Chancen, aber auch welche Herausforderungen sie erwarteten.
Einige schafften den Einstieg in eine Berufsausbildung, andere qualifizierten sich für eine weiterführende Schule oder ein Universitätsstudium. Doch trotz ihres Ehrgeizes und ihrer Fähigkeiten standen viele von ihnen vor erheblichen Hürden. Ich begegnete Studierenden, die ihr Studium abbrechen mussten, weil sie die Lebenshaltungskosten nicht mehr finanzieren konnten. Ich lernte Absolventinnen und Absolventen von Berufsschulen kennen, die trotz guter Ausbildung keine Arbeitsstelle fanden. Junge Frauen gerieten durch eine Schwangerschaft in finanzielle Not und mussten ihre Ausbildung oder ihr Studium aufgeben.
Gleichzeitig traf ich viele engagierte junge Erwachsene, die den Gemeinschaftssinn, den sie im Kinderdorf erfahren hatten, weiterleben wollten. Sie unterstützten sich gegenseitig und wollten Verantwortung für ihre Zukunft übernehmen. Was ihnen jedoch häufig fehlte, waren finanzielle Möglichkeiten, Orientierung und erfahrene Menschen, die sie auf ihrem weiteren Weg begleiten konnten. So wurden Hoffnung und Potenzial allzu oft von Perspektivlosigkeit überschattet.
Diese Erfahrungen haben mir deutlich vor Augen geführt, wie entscheidend Bildung und langfristige Begleitung für ein selbstbestimmtes Leben sind. Nachhaltige Unterstützung endet nicht mit dem Verlassen eines Kinderdorfes – sie beginnt dort oft erst. Genau deshalb setzen wir uns dafür ein, jungen Erwachsenen Bildungs- und Entwicklungschancen zu eröffnen und sie auf ihrem Weg in eine eigenständige Zukunft zu begleiten.
Durch meine langjährige Freundschaft mit Frau Dr. Alina Ludwig habe ich schon von Beginn an viel über das Kinderdorf Selam in Addis Abeba erfahren. Ich bin Familientherapeutin mit dem Schwerpunkt Trauma- und Krisenbewältigung. Im Jahr 2020 habe ich Frau Dr. Ludwig nach Addis Abeba begleitet, da ich eine Schulung zu dieser Thematik für das pädagogische Team durchführen durfte. Diese sollte über einen längeren Zeitraum in Präsenz stattfinden. Durch Corona war dies jedoch nur eine Woche möglich und im Anschluss online. Dadurch war ich über einen längeren Zeitraum mit dem Team intensiv in Verbindung. Vor Ort hatte ich aber auch die Gelegenheit, Einblicke in die Arbeit zu erhalten und Kontakte zu Kindern und Jugendlichen zu knüpfen, konnte in einer Akutkrise therapeutisch unterstützen. Diese Erfahrung und auch die ambulante Betreuung der jungen Erwachsenen von Haus Weizenkorn in Lindau/Bodensee haben mir gezeigt, dass junge Erwachsene auch nach einer Begleitung im Kinder- und Jugendalter Unterstützung, Halt und Vertrauen brauchen, sowie finanzielle Mittel, um beruhigt ins Berufsleben zu starten.
Hier kann die Beschreibung von Günter Freitag eingefügt werden.
Durch meinen Beruf als Dozierende und Prüfende für Deutsch begegnen mir täglich Menschen und Schicksale, geprägt von Mut und Hoffnung, die mich tief bewegen.
One world, one love.
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